An der Grenze im äußersten Westen Kambodschas liegt die Provinz Pailin mit ihrer gleichnamigen Provinzhauptstadt. Bis 2001 war diese Region noch Teil der großen Schwesterprovinz Battambang, genießt seitdem aber einen Status als Sonderzone innerhalb Kambodschas. Auf einer Fläche von gerade einmal 803 Quadratkilometern leben auch nur ca. 31.000 Menschen – rund zwei Drittel davon wiederum in Pailin-Stadt.
Ehrlich gesagt, gibt es für Touristen nicht viele Gründe, ausgerechnet nach Pailin zu reisen – die Natur und die Menschen haben besonders lange
unter den absurden Machenschaften der Roten Khmer gelitten und wurden landschaftlich wie seelisch geradezu verstümmelt – aber für manch einen Reisenden ist vielleicht gerade das der Reiz. Hier
können Sie die neuere Geschichte des Landes kennen lernen und spüren, hier ist das Terrorregime der Roten Khmer nicht nur blasse Erinnerung, sondern noch nicht einmal 20 Jahre her. Wenn Sie hier
ein offenes Auge und Ohr für die Menschen und die Gegend haben, werden Sie unbeschreibliche Eindrücke in eine der finstersten Kapitel der neueren Geschichte der Menschheit machen
können.
Am 17. April 1975 eroberten die vermeintlichen Freiheitskämpfer im Namen des Volkes die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh. Dies war der Beginn einer 3-jährigen Terrorherrschaft mit anschließendem 20-jährigem Bürgerkrieg. Die Führer der Roten Khmer waren kommunistisch-maoistisch geprägt und träumten von einem reinen Bauernstaat. Ideengeber waren Pol Pot und seine Generäle, die samt und sonders zuvor in Paris studiert hatten – sie entstammten der Gesellschaftselite Kambodschas - und dort mit den neo-kommunistischen Ideologien in Berührung gekommen waren, über die französische Studenten an WG-Tischen und in Stammtisch-Palavern nur debattierten. Zurück in der Heimat, dachten sich Pol Pot und seine irrlichternden Mannen, es wäre doch eine tolle Idee, in ihrem Land Nägel mit Köpfen zu machen und die Bevölkerung Kambodschas mit ihrem Steinzeit-Kommunismus von der Unterdrückung imperialistischer Kräfte aus dem Ausland zu befreien und vor zukünftigen Vereinnahmungen zu bewahren. Bekanntschaft damit hatte das Land ja im Vietnamkrieg gemacht, der Kambodscha ebenfalls hart getroffen hatte und für politische Instabilität gesorgt hatte. Die Roten Khmer gingen mit ihren Ideen vom befreiten Menschen aber weiter, als sich das je ein französischer Student hätte ausmalen können. Maschinen zum Beispiel galten als kapitalistisches Hexenwerk und so wurden Industrieanlagen und sogar Traktoren kurzerhand zertrümmert. Menschen, die eine Brille trugen, wurden als akademisch und elitär betrachtet und teilweise einfach bei Säuberungsaktionen ermordet. Während Europa und der Rest der Welt mit der Opec-Krise und Debatten über Kernkraft beschäftigt war, ermordeten die Roten Khmer in ihrem eigenen Land innerhalb von nur 3 Jahren rund 2.2 Millionen Kambodschaner – aus den fadenscheinigsten Gründen. Das Land versank in Hunger, Armut und kollektiver, klaustrophobischer Angst.
Nachdem die Herrschaft der Roten Khmer 1978 mit Hilfe von südvietnamesischer Truppen offiziell beendet wurde, war der Spaß für die jetzt schon gebeutelten Kambodschaner noch lange nicht vorbei. Die Roten Khmer dachten gar nicht daran aufzugeben – vor allem hatten sie sich mittlerweile daran gewöhnt, die Schätze ihres Landes gewinnbringend zu verhökern und sich den Profit großzügig einzustreichen – und zogen sich als Guerilla-Verbände in den Dschungel und gut zu verteidigende Städte zurück. So auch nach Pailin, welches damals - wie gesagt - noch Teil der Provinz Battambang war. Und man glaubt es kaum, aber die Roten Khmer schafften es, Pailin samt Provinzhauptstadt bis zur endgültigen Waffenruhe von 1996 als eine Hochburg ihrer krummen Machenschaften zu behalten (der letzte Verband kämpfender Truppen in Kambodscha legte übrigens erst 1998 die Waffen nieder). In dieser Zeit nutzten sie die Ressourcen von Pailin gnadenlos aus. Sie fällten jeden Baum und verkauften das Holz und später die Abholzungsrechte an thailändische Unternehmen, die nebenbei auch noch für die Infrastruktur in der Region sorgten, um das Holz außer Landes schaffen zu können. Alleine dieser Handel mit Holz brachte den Roten Khmer bis 1989 rund 100 Millionen Dollar Reingewinn ein. Daneben beuteten sie die Edelsteinminen rücksichtslos aus. Beides – die rigorose Abholzung so wie das Graben nach Steinen - hatte und hat natürlich Auswirkungen auf die Landschaft, nicht nur in der Umgebung von Pailin. Durch Erosionen flachte selbst der Grundwasserpegel des größten Binnensees des Landes, des Tonle Sap, empfindlich ab.
Die Zeichen dieser neueren Geschichte Kambodschas sind hier in Pailin noch deutlich zu sehen und die Menschen, die hier leben, können Ihnen noch Geschichten aus dieser furchtbaren Zeit aus erster Hand erzählen (es heißt, rund 70 Prozent der älteren Männer, die man hier trifft, waren waschechte Kämpfer auf Seiten der Roten Khmer). Dabei wirken die Kambodschaner weder sonderlich traumatisiert noch melancholisch – auch wenn sie es tief im Innersten durchaus noch sind. Aber hier lebt ein Menschenschlag, der stets nach vorne schaut und lieber die schönen Seiten der neugewonnenen Freiheit sieht und auslebt. Gerade deshalb sollten Sie auf einer Kambodscha-Rundreise unbedingt nach Pailin kommen – sie lernen Land und Leute wirklich besser kennen und die Menschen hier werden Sie dafür mit weit offenen Armen und einem ehrlichen Lächeln empfangen, da man sich dafür interessiert, was noch den Lebenden hier passiert ist und einmal nicht (nur) ins Land kommt, um die wichtigen Tempelanlagen aus vergangenen Epochen zu bewundern.
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